Ab 9. Mai wird das Theater mit Shakespeare zu einem Wald der Irrungen und Wirrungen

Der Wald in Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ gehört zu Athen wie das Staatstheater Meiningen zu seiner Stadt (oder umgekehrt). Man könnte es folgendermaßen formulieren: eine Stadt mit Wald – ein Wald mit Stadt. Kein Wunder also, dass das Theater in der „Sommernachtstraum“-Inszenierung von Nicolas Charaux selbst zum Wald wird!
Anhand einer Live-Kamera ist es möglich, mit den Figuren in die Tiefen der Bühne einzutauchen, vielleicht sogar darüber hinaus. Bestimmte Grenzen lösen sich auf und wir werden tief hineingezogen in die Irrungen und Wirrungen der Liebenden. Wir sind hautnah dabei, wenn Oberon seine Pläne schmiedet, sein frecher Gehilfe Puck Lysander und Demetrius durch den Wald irren lässt und seinen Schabernack mit ihnen treibt. Wir sind nah bei der armen Helena, die zurückgelassen und deren Liebe verschmäht wird, wir tauchen ein in Titanias Liebesnest und Feenreich …
Denn die Welt des Waldes gehört dem Herrscherpaar der Elfen und Feen, Oberon und Titania. Sie regieren, lieben und vor allem: streiten sich dort. Streit ist sowieso ein großes Thema in dieser Komödie – selten lässt Shakespeare seine Figuren eine solche Tal- und Achterbahnfahrt der Gefühle durchleben wie in diesem Werk. Da streitet Hermia mit ihrem Vater Egeus, weil sie nicht Demetrius, sondern Lysander heiraten will, da streitet Demetrius mit Helena, weil er Hermia will und nicht sie. Als Hermia und Lysander vor diesem Zwist und den harschen Gesetzen Athens in den Wald fliehen und Helena und Demetrius ihnen folgen, ahnen sie nicht, dass sie vom Regen in die Traufe kommen: Auf der Suche nach Geborgenheit geraten sie ausgerechnet in einen handfesten Ehekrach zwischen Oberon und Titania. Nur dass es einen eklatanten Unterschied macht, wenn Sterbliche streiten oder Elfenkönig und Elfenkönigin … Die Traumwelt des Waldes spiegelt ihre Athener Realität, sie enthält alle Konflikte ihrer Wirklichkeit, nur zeigt sie sie im Spiegel verkehrt, verdreht und verzerrt.
Der Wald an sich ist als Symbol stark aufgeladen: Bis heute ist er vielkonnotiert als Schwellensymbol zum Unbewussten, als Sehnsuchtsort, als Ruhepol, als Mythenreich, als Ökosystem, als eine ganz eigene grüne Welt. Heute verbinden wir mit dem Wald oft Erholung, Entschleunigung, Krafttanken und immer wieder auch die Hoffnung, bei einem Ausflug in den Wald, zu neuen Erkenntnissen zu gelangen und verändert zurückzukehren in den Alltag.
Der Wald gerät heute aber genauso zu einem Bild für die Entfremdung des Menschen von der Ursprünglichkeit seiner Natur – animalischer Urtrieb und Zivilisationsgesellschaft treffen aufeinander – oder besser: gegeneinander an. Der moderne Mensch wird sich seiner Selbstentfremdung gewahr, auch die Liebenden im Sommernachtstraum spüren das schon, gleichzeitig spüren sie, dass sie sich verändern werden: Der Wald ist in seiner ganzen Ambivalenz sowohl heimelig als auch (un-)heimlich.
Helenas und Hermias Angst, im finsteren Wald zurückgelassen zu werden und vor Angst zu sterben, ist diese Ahnung von Veränderung. Es vollzieht sich immer ein Initiationsritus, wenn in Märchen und Sagen (meist junge) Menschen auf sowohl gute als auch böse Geister und Zauberer, Feen, Zwerge oder Riesen treffen. Die bisher verdrängte Seite des Menschen tritt zutage, sodass er an Bewusstsein und Erfahrung reicher aus dem Wald herauskommt. Mit all dem spielt Shakespeare auf der Klaviatur des Komödienhandwerks, mit Lust am Spiel und der Verwechslung.
Er treibt es weit im Sommernachtstraum, wenn er Puck Titania verzaubern lässt (dass Puck auch Zettel verzaubert, war so nicht geplant). Und vielleicht bleibt manchem das Lachen im Hals stecken, wenn wir uns Titanias und Zettels Situation vorstellen – willenlos gemacht und anderen Mächten ausgeliefert. Aber das ist auch Shakespeare – trotz Komödie, Puck heißt eben nicht nur „Robin Goodfellow“, er hat auch den Namen „Hobgoblin“ und ist an dieser Stelle eng mit Ariel im „Sturm“ verwandt. „So wie es in den Wald ruft, so schallt es wieder heraus.“ – Im Wald treffen wir also wieder auf uns selbst. Wir begegnen unserer Angst und sind gleichzeitig erfüllt von der Hoffnung, dass er uns Erleuchtung bringt. Wir dringen ein in die Untiefen unserer Seele, in denen wir uns verlaufen können. Das macht die Angst und die Faszination aus.
Mit Oberon und Puck folgen wir Titania, den Liebenden und den Handwerkern, wir dringen tief ein in ihre Welt, in das Zauberreich, in die Welt des Theaters. Orte sind wichtig, die einen Staunen machen, und so ist das Meininger Theater genau der richtige Ort für einen sinnlichen, flirrenden, bewegenden und herausfordernden, erkenntnisreichen und zauberhaften, hoffentlich erleuchtenden Sommernachtstraum.
Deborah Ziegler, Schauspieldramaturgin
„Ein Sommernachtstraum“
Komödie von William Shakespeare
Regie: Nicolas Charaux • Bühne, Kostüme: Michael Lindner • Live-Kamera: Luna Zscharnt • Dramaturgie: Deborah Ziegler
mit: Mia Antonia Dressler, Pauline Gloger, Anja Lenßen; Vivian Frey, Florian Graf, Matthis Heinrich, Leonard Pfeiffer, Rico Strempel
Premiere: FR, 09.05., 19.30 Uhr – Großes Haus
weitere Termine: 11.05., 15.05., 24.05., 31.05., 20.06., 26.06., 02.07., 06.07.2025 – Großes Haus
Einführungen 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn im Foyer
Matinee: SO, 04.05.2025, 11.15 Uhr – Foyer Großes Haus, Eintritt frei
Wiederaufnahme in der Spielzeit 2025/26